Start Ergebnis des Projektes Fazit und Ausblick

 

Die Berechnung des Fußabdrucks für Helgoland ergab einen Wert von 6,8 ha pro Person. Dieser Wert liegt um über ein Drittel höher als der Bundesrepublikanische oder der Berliner Fußabdruck, der von Schnauss (2001) auf 4,41 ha pro Person errechnet wurde. Das ist nicht sehr verwunderlich, da doch der Fußabdruck auf der Basis der benötigten Energie einer Gesellschaft berechnet wird und diese Energie dann in Hektar umgerechnet wird. Die Insel Helgoland ist abhängig vom Antransport fast all seiner lebenswichtigen Güter. Die isolierte Lage und die Kleinheit sind zwei Faktoren, die hier sehr stark zu Buche schlagen. Interessant wäre hier ein Vergleich mit anderen Kleininseln, die unter den gleichen Ausgangsbedingungen von Transportabhängigkeit und Versorgungszwang ihre Lebensbedingungen erhalten müssen.

Doch eines ist uns aufgefallen, bei der Untersuchung des Lebensstils der Helgoländer. Die Befragung hat ein Bild ergeben, das vielleicht die zukünftige Entwicklung mit berücksichtigen sollte. Über die Hälfte der Befragten würde auch bei höheren Kosten alternative Energiequellen den konventionellen bevorzugen. Das gewohnheitsmäßige Duschen auf der Insel ist kurz und effizient, dies mag bislang noch den hohen Wasserkosten zuzuschreiben sein, aber was erst einmal Gewohnheit ist, kann man auch gut beibehalten. Mülltrennung ist komplett und umfassend auf Helgoland, jeder trägt hier seinen Teil dazu bei. Über 60% der Befragten bevorzugen Produkte aus biologischem Anbau, auch wenn die nicht immer auf der Insel zu haben sind. Immerhin sagen über 50%, dass sie zu einem Viertel oder gar zur Hälfte Bioprodukte kaufen würden. Dabei wird beim Einkauf auch auf die Herkunft geachtet und Regionalprodukte vom Festland der importierten Ware vorgezogen. Und für die zukünftige Entwicklung wünschten sich immerhin ein Drittel der Befragten den "Natur liebhabenden Übernachtungsgast".

Helgoländer sind keine besseren Menschen, auch sie essen reichlich Fleisch und andere Tierprodukte, sie fliegen in den Urlaub und besitzen die komplette Palette moderner Unterhaltungs- und Nutzelektronik. Dies wird sich auch bei einem kompletten Umdenken nicht viel ändern. Ändern lassen sich auch die Rahmenbedingungen nicht unter denen eine zukünftige Entwicklung stattzufinden hat. Sie ist weitgehend von folgenden Faktoren abhängig:

  • Die Denkmalschutz-Bestimmungen beeinträchtigen einen vielleicht vorhandenen Wunsch nach moderner und klimaeffizienter Bautätigkeit.
  • Die demographische Struktur der Bevölkerung lässt wenig Innovativkraft auf der Insel vermuten und beeinträchtigt auch die Arbeitskräfteverfügbarkeit in naher Zukunft.
  • Das Trägheitsmoment bei der Beharrung auf dem angestammten wirtschaftlichen Entwicklungspfad verhindert bislang eine völlige Neustrukturierung. Neue Ideen werden aber spätestens dann nötig werden, wenn die Vorzüge der Zollfreiheit nicht mehr gegeben sein werden.
  • Eines wird immer bleiben, die geographische Lage und dadurch bedingt die Insularität genauso wie die Isoliertheit werden sich nicht ändern. Hier ließe sich nur dann ein Vorteil daraus ziehen, wenn die mit Isoliertheit verbundenen Faktoren als Vorzüge erkannt werden und zu Startvorteilen umgemünzt werden. Die Ruhe, die Kleinheit, die familiäre Atmosphäre, die fehlende Hektik, der fehlende Motorenlärm – Oasen der Andersartigkeit, die von vielen stressgeplagten Großstadtmenschen gerne gesucht und gefunden werden.

Eines ist uns klar geworden, man kann nicht gegen die Gegebenheiten für ein neues Entwicklungskonzept werben. Aber vielleicht kann man sich neu besinnen, welche Potenziale in der Einzigartigkeit der Insel stecken?

In der Abschlussdiskussion des Studienprojekts schwebten uns viele, teils skurrile Zukünfte für den Fels im Meer vor. Die reichten von  einem medizinischen Zentrum zum Ausbau und stärkerer Betreuung von Parkinson-Kranken: „Bad Helgoland-Kurort“; Über den Ausbau der Tourismusinsel zu einem Wellnesszentrum mit Schönheitsfarmen und Laminaria-Kuren; Zu einem Wissenschafts-Zentrum, das internationalen Forschergruppen eine Heimat und ein Forschungsfeld mit Labors und Familienanschluss bietet: „Ein Klimawandel-Showcase der internationalen Forschungselite“; Oder ein Trainingslager für Schwererziehbare, die nicht nur isoliert vom Rest der Welt keinen Blödsinn mehr anstellen können, sondern auch die Treppen der Steilküsten als athletische Herausforderung zu bezwingen haben: „Abenteuer und Drill Camps Helgoland“; Bis hin zur Segelregatta-Insel der Nordsee für den High-Society Abenteurer, der Abends seine müden Knochen am Salzwasser-Thermalbad weichen lassen kann: „Volvo Ocean Race Island“.

Am schönsten gefiel uns die Idee der ökologischen Musterinsel „Alternatives, kreatives Helgoland“, auf der nur noch Bioprodukte verkauft werden, nur noch biologisches Waschmittel benutzt wird, der Autoverkehr weiterhin verbannt bleibt und die benötigte Energie auf der Insel aus alternativen Energiequellen hergestellt wird. Wo die Künstlerkolonien einen kreativen Lebensstil prägen und es wieder „in“ wird, auch als junger Mensch auf der Insel zu leben. Denn die Satellitenverkabelung und ein Insel-W-Lan bieten uneingeschränkten Zugang zum weltweiten Netz der online-Kreativen. Und der Software-Entwickler kann sich abends beim Spaziergang über den Roten Felsen etwas Wind um die blasse Nase wehen lassen.

Die Ideen sind vielfältig. Die Zukunft wird zeigen, was sich durchsetzen kann. Für den ökologischen Fußabdruck gibt es nur wenige Stellschrauben an denen man drehen kann: weniger Fleischessen, ausschließlich regenerativen Energien nutzen, eine gute Wärmedämmung am Wohnhaus, nur noch recyclebare Produkte mit langer Lebensdauer kaufen und sich einschränken bei Fernreisen oder auf das Flugzeug bei kurzen Distanzen völlig verzichten. Viele dieser Stellschrauben können auch auf Helgoland gedreht werden, um den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern.

Vielleicht macht es ja auch für kleine Inseln mehr Sinn, nicht nach dem ökologischen Fußabdruck zu fragen, sondern nach dem ökologischen Fingerabdruck – nach dem Stempel, den eine kleine Insel dem Rest der Welt aufdrücken kann oder dem Zeichen, das sie der Welt hinterlässt. Ein kreatives Helgoland hätte durchaus Chancen als positives Beispiel vorzuleben, was möglich ist. Dazu bedarf es Lebensfreude und Wille zur Veränderung.

Das eingangs erwähnte Gedicht vom berühmten Sohn der Insel James Krüss hat noch einen zweiten Teil, mit dem wir unsere Studie beenden wollen:

Und dann hat er, gutgelaunt,
Menschen diesem Fels gegeben
Und den Menschen zugeraunt:
Liebt die Welt und lebt das Leben!

James Krüss